VON ÜBERHEBLICHKEIT ZU BURNOUT ZU DEPRESSIONEN ZU THAILAND

Über den heutigen Gastbeitrag in meiner Reihe über psychische Erkrankungen freue ich mich besonders. Denn nicht nur Roland von Burnoutside ...

Über den heutigen Gastbeitrag in meiner Reihe über psychische Erkrankungen freue ich mich besonders. Denn nicht nur Roland von Burnoutside hat mir einen Text über seine Erfahrungen mit einer psychischen Erkrankung zukommen lassen. Nein, auch ich durfte einen Beitrag über meinen Weg in – und hoffentlich bald wieder aus – meiner Erkrankung bei ihm veröffentlichen...



Heute

„Fuck, wie kam ich bloß hierher?“ Diese Frage schwirrt seit Stunden durch meinen Kopf. Begleitet von einem Lächeln, spüre ich eine tiefe Gelassenheit.

„Hierher“ beschreibt keinen Ort, gemeint ist ein Zustand. Ein Lebensgefühl, das ich erst durch einige Umwege, nein Irrwege, erreichte: Illusionen, Burnout, Depressionen.

Vergleichbar mit einem Sturz in den Abgrund, zieht mein ganzes Leben an mir vorbei. Die vielen Tiefs, die wenigen Hochs.

Frei von dem, was war, gefestigt in dem, was ist, habe ich nur noch ein Drittel meines Irrweges zu gehen: Die Ungewissheit vor dem, was kommt. Dieses letzte Drittel mag mächtig und angsteinflößend erscheinen. Und das ist es auch. Allerdings weiß ich mittlerweile, wie der Hase humpelt.

Vor einigen Tagen strandete ich mit meiner Liebsten auf einer Insel im Süden Thailands. Die nächsten Monate werden wir hier sein und dann entscheiden, ob wir auf eine ausgedehnte Weltreise gehen.

Klingt spektakulärer als es ist und letztlich trennte mich davon lediglich eine Entscheidung. Nämlich es zu tun. Und dieses „es“, mit diesem kleinen, verdammten „es“, machte ich mir mein Leben zur Hölle.

Dieses „es“ nahm ich mir die letzten Jahre zur Brust. Ich stellte fest, dass es dabei um nichts Geringeres ging, als um die Art von Leben, das für mich bestimmt ist. Und „Bestimmung“ ist nichts spirituelles oder schicksalhaftes, es ist eine Entscheidung.

Ich bestimme welches Leben ich führe, in welchem Abgrund ich weiterhin bleiben oder ob ich da raus möchte. Also regelte ich meinen Scheiß, eins nach dem anderen, immer im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten. Ich orientierte mich an dem wenigen Schönen, das bereits in meinem Leben war. Freunde, Familie, Musik, Bücher. Der Rest ist Geschichte und im Detail auf meinem Blog festgehalten.

Vier Jahre vorher

Mein Abschiedsbrief ist fast fertig. Nur noch ein paar Zeilen an meine Freunde, in denen ich über das Leben jammere, wie schlecht es zu mir war und wie wenig „man“ versuchte, mich zu verstehen, mimimi.

Beim Anblick des Verlaufs in meinem Browser, würden bei jedem Psychologiestudienabbrecher die Alarmglocken läuten:

„die beste art sich das leben zu nehmen“
„knoten für einen strick“
„medikamente menge selbstmord“  

Tränen suchen sich einen Weg über eingetrocknete Tränen. Die Erkenntnis, nicht in dieses Leben, nicht in diese Welt zu passen, ist erschütternd. Und absurd. Was soll das bitte bedeuten, „ich passe nicht in diese Welt“? Diese Welt nimmt alles und jeden! Selbst ein Justin Bieber existiert und darf seine „Musik“ machen. Verrückt.

Zwei Tage später sind meine letzten Worte an die Menschheit immer noch nicht fertig. Mit welchem Recht möchte ich meinem Leben ein Ende setzen, wenn ich nicht einmal einen Abschiedsbrief zu Ende bringe?

Okay, verstanden! Der Abschiedsbrief war nur ein Hilfeschrei. Gut, dass ich zuhörte. Irgendwas wartet noch auf mich, ich will herausfinden, was „es“ ist …

Elf Jahre vorher

Ich liege bewusstlos in meinem Wohnzimmer. Ärzte werden später von einem Gehörsturz, Kreislaufkollaps, Burnout und so Zeug sprechen. Mir ist das egal, ich muss zurück ins Büro.

Als Vorstandsassistent eines großen Versicherungskonzerns bin ich schließlich die wichtigste Person im Unternehmen. Ach was, der Mittelpunkt des Universums und die höchste Stufe der Schöpfung. Ich bin unersetzbar, ohne mich geht der Laden den Bach runter. Und überhaupt: Burnout? Das haben doch nur die Anderen …

Ein paar Tage Pause und weiter gehts auf meinem Highway to Hell. Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Beziehungsprobleme, Jobkonflikte, Vernachlässigung sozialer Kontakte, ungesunde Ernährung … Tja, der Preis der Illusion ist billiger als die Schmach der gesellschaftlichen Beliebigkeit.

Alles in mir schreit „STOP“, meine Lebensfreude kann ich schon seit Langem am Arsch lecken und die Hoffnung auf Besserung ist der Einsicht gewichen, dass der Point of no return längst überschritten ist. Augen zu und durch.

„Es“ ist zum verrückt werden. Ich mache alles was die gesellschaftlichen Konventionen vorgeben und dennoch gleicht mein Glücksgefühl einer Wurzelbehandlung - ohne Narkose.

Naja, wird schon besser werden. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ich werde dieses Leben durchziehen, schließlich ist „es“ das Einzige, das ich haben werde.

Sechzehn Jahre vorher

Meinen Träumen komme ich einen großer Schritt näher. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich den fetten Sportwagen, die tollen Klamotten und die geile Eigentumswohnung herzeigen kann.

Keine Ahnung wie ich den neuen Job schaffen soll, aber die Kohle muss ich mir holen. Ich bin einfach für Höheres bestimmt, ich weiß „es“. Die Chance muss ich nutzen, schließlich höre ich seit meiner frühesten Kindheit Sachen wie,

„Nein, der Pulli ist nicht zu groß, da wächst du noch rein“
„Wenn deine Freunde von der Brücke springen, springst du dann auch?“
„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“
„Du weißt gar nicht, wie gut du es hast“
„Komm du erstmal in mein Alter, dann reden wir weiter“
„Ach mach doch, was du willst“

Ich bin also bestens für die neue Herausforderung vorbereitet! Irgendwie werde ich mich schon durchmogeln. Mache ich konsequent was alle anderen machen, kann gar nichts schiefgehen.

Wir sind schließlich auf der Welt um für die Träume Anderer zu arbeiten, für die Träume der Bosse. Für meine eigenen Träume ist in der Pension immer noch genug Zeit. Yeah, das wird geil: Mit 65 Kitesurfen, die Welt bereisen, den erwachsenen Enkelkindern beim aufwachsen zusehen und mich nur noch von dem treiben lassen, was mir mein Bauchgefühl sagt.

25 Jahre vorher

Ich träume vom Meer, schon wieder. An einem Strand betrachte ich den Sonnenuntergang. Diese Stille ist unfassbar und unfassbar befreiend …

Aus riesigen Lautsprechern dröhnt Heavy Metal Zeugs. Die Jungs erzählen sich Geschichten über flachgelegte Frauen, übertrumpfen sich gegenseitig mit erfundenen Alkoholstorys und geilen Autos, die sie eines Tages fahren werden.

Am Nachhauseweg wird mir klar, dass das alles Schwachsinn ist. Diese Typen werden es nie zu etwas bringen, ich hingegen schon. Ich will nicht werden, was sie bereits sind: Versager.

Ich werde es allen beweisen und eines Tages zurückkommen, ihnen ins Gesicht lachen und von meinen Erfolgen, meinen Besitztümern und dem vielen Geld erzählen.

Und dann ziehe ich mich zurück, alleine, in die Stille und träume von einem einfachen Leben. Denke dabei nicht an Geld, Besitz, spektakuläre Erlebnisse oder an Status. Ich spüre „es“ bis an die hintersten Ecken meines Körpers, meines Geistes, meiner Seele oder was auch immer ich bin: Mein Lebensglück hat nichts mit Geld, Karriere, Besitz, Events oder Status zu tun. „Da draußen“ wartet etwas ganz Anderes auf mich und ich frage mich „wie komme ich bloß dorthin?“


Über Roland
Ich bin 44 Jahre, lebe derzeit mit meiner Liebsten in Thailand und überlebte nur knapp meine Depressionen.
Auf meinem Blog erfährst du mehr über mich und meine Geschichte. Demnächst werde ich ein Buch veröffentlichen, in dem ich jene Methode beschreibe, mit der ich Burnout und Depressionen überwinden konnte und mit der ich heute Probleme gar nicht erst entstehen lasse.
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