Ein persönlicher Erfahrungsbericht: Ursachen und Hintergründe von Angst- und Zwangsstörungen

Heute geht es in meiner Reihe über Psychische Erkrankungen um Angst- und Zwangsstörung, also der Erkrankung von der ich selbst betroffen bi...

Heute geht es in meiner Reihe über Psychische Erkrankungen um Angst- und Zwangsstörung, also der Erkrankung von der ich selbst betroffen bin. Allerdings möchte ich euch in diesem Artikel weder erklären, wie sich solch eine Störung auf das Verhalten auswirkt, noch von meiner eigenen Angst- und Zwangsstörung berichten, sondern Pascale zu Wort kommen lassen…


Ich bin Pascale A., 44 Jahre jung und wohne in Berlin und im Rahmen dieser Bloginteraktion schreibe ich diesen Artikel für Carmens Blog. Ich habe selbst 2 Blogs (Internet-Tagebücher) und freue mich über einen Besuch auf meinen Seiten: https://pascale1974.myblog.de und http://pascale2107.blogspot.com

Veränderungen im Leben können positiv oder negativ sein. Aus irgendwelchen Gründen habe ich die Eigenschaft entwickelt, spontane Veränderungen grundsätzlich als "Bedrohung" zu werten. Auch in diesem Bereich mögen die Ursprünge in meiner Kindheit liegen und vielleicht mit dem Alkoholismus meines Vaters zusammenhängen.

Ich leite am gegenwärtigen Verhalten mir nahestehender Personen eine Prognose für ein mögliches (bedrohliches) Szenario ab, wenn ich eine Verhaltensänderung der Person "fühle". In vielen Fällen habe ich Recht behalten, auch wenn ich das negative Szenario nicht abwenden konnte. Ich entwickele dann eine kontrollierende Haltung, weil ich die mir vertraute Gegenwart erhalten möchte. Leider muss ich eingestehen, dass ich durch diese kontrollierende Haltung, die bei mir oft mit einer innerlichen Anspannung einhergeht, in einigen Fällen das negative Szenario mit beeinflusst habe. Im Endeffekt habe ich genau das Gegenteil erreicht. Ich entwickele unbewusst eine unterwürfige Haltung, um die drohende Veränderung aufzuhalten.

Der schwere Alkoholismus meines Vaters war eine Grundlage meiner heutigen Zwänge und Ängste.
Die letzten Jahre bis zu seinem Tod waren geprägt von… Peinlichkeiten, weil er einen bloßstellen konnte und anderen Menschen gegenüber ausfällig wurde. Oft schämte ich mich für ihn, wenn er mich betrunken von der Schule abgholt hatte. Wie oft habe ich ihn verleugnet oder für ihn gelogen, um ihn zu schützen, wenn er betrunken auf dem Sofa lag! Wie oft sammelte ich in der U-Bahn oder auf den Straßen sein Kleingeld wieder ein, weil er ständig auf den Boden fiel! Wie oft trug ich ihn nach Hause, meinen hilflosen, aber geliebten Vater!!!

Sorge, weil er in seinen Stimmungen unberechenbar war und man nicht wusste, wann er nach Hause kommt. Oft kam er erst nach Tagen von einer Sauftour wieder. Er lag dann ein oder zwei Tage auf dem Sofa mitten im Wohnzimmer und kurierte sich aus, bis er wieder los zog.
Hoffnungen, weil er immer sagte, dass er bald mit dem Trinken aufhören würde. Als Kind vertraut man auf diese Worte, die er aber aufgrund seiner Krankheit nicht einhalten konnte. Er war ein kranker Mann und konnte seine Versprechen nicht halten. Eine Entziehungskur wollte er nicht machen. Ich erinnere mich noch gut, wie ich bei Spaziergängen mit ihm und unserem Hund "Tapsy" durch Überredungskünste versuchte ihn von Kneipen fernzuhalten, die auf dem Weg lagen. Er "lockte" mich immer mit "5 Mark" für den Flipper und versprach mir, dass wir in EINER STUNDE wieder gehen. Meistens waren es dann 4 oder 5 Stunden.

Wut auf ihn, weil die ständig gebrochenen Versprechen in mir Traurigkeit und Frust auslösten.
All das ist mir im Rahmen einer mehrmonatigen Therapie, die ich vor über 15 Jahren durchgeführt habe, klar geworden. Mein Therapeut sagte mir, ich solle akzeptieren, dass ich Fehler und Unzulänglichkeiten habe. Ich solle versuchen den Perfektionsmus, der in verschiedenen Kontrollhandlungen münden kann, aufzuweichen. Das setzt voraus, Fehler anderer Menschen zu akzeptieren und das Leben nicht als statischen Zustand zu betrachten, sondern als sich entwickelnden Prozess. Es sei wichtig, den Moment zu leben und zu genießen. Positive Elemente wie beispielsweise Entspannungsübungen können den Ursprung von Stress (Auslöser von Zwangshandlungen), einschränken. Ich arbeite daran, dieses Dilemma zu minimieren oder aufzulösen. Meine Kontrollhandlungen (Tür auf und zu, Muttermale kontrollieren usw.) sind kaum noch vorhanden.
Da ich aufgrund meiner Biographie Stabilität möchte, wird es eine lebenslange Aufgabe für mich sein, Veränderungen positiv zu gestalten und zuzulassen, wenn sie sich nicht aufhalten lassen. Abschließen möchte ich meinen Beitrag mit einem Gedicht, welches ich über meine Therapie schrieb.

Übermorgen.
Gedanken im Nebel. Eingemauert im Sog der Apokalypse.
Verlorenes Glück verzehrt.
Als lebensnotwendig erkannte Brücke, die steil in die Tiefe führt, ist der einzige Ausweg zum Anfang.
Das unbekannte neue Ziel ist vorgegeben.
Die Worte der Weisen von gestern verstummen in der Morgenröte.
Das Tal der Lebenslügen erstreckt sich vor dem Gewissen.
Die Vergangenheit, versammelt als Schuldgefühl, sucht einen Erlöser aus den Zwängen.
Von Pascale Anhalt, November 2003
 
WEITERE ARTIKEL IN DIESER SERIE:
Vorwort - Ab zur Psychotherapie!
Ich habe Depressionen - Was nun?!
Wochenbettdepression - „Wenn die Freude über’s Baby ausbleibt“
Erfahrungsbericht: Ursachen & Hintergründe von Angst- und Zwangsstörungen

Symbolfoto: Geralt über Pixabay

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1 Kommentare

  1. Was für ein bewegender Bericht.
    Was für ein super Gedicht.
    Mehr von diesem Autor!!!
    Grüße aus M.

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