Ein Erfahrungsbericht: Wiederholungszwänge und damalige Therapie

Ihr könnt euch sicher noch an Pascale erinnern, der hier schon mal vor einiger Zeit über die Ursachen seiner Zwangsstörung  berichtet hat. H...

Ihr könnt euch sicher noch an Pascale erinnern, der hier schon mal vor einiger Zeit über die Ursachen seiner Zwangsstörung berichtet hat. Heute darf ich euch einen Bericht über Pascales Wiederholungszwänge und seine Therapie präsentieren.


An dieser Stelle möchte ich mich bei Carmen bedanken, dass ich erneut meine Erfahrungen über Neurosen und Zwangshandlungen veröffentlichen kann. Ich bin Pascale A., 44 Jahre jung und wohne in Berlin. Ich habe 2 Blogs und freue mich über einen Besuch auf meinen Seiten: https://pascale1974.myblog.de und http://pascale2107.blogspot.com

Ich litt an Wiederholungszwängen wie z.B. einem Zähl- und Kontrollzwang. Jeder kann sich gern im Internet oder aus der Fachliteratur über diese Erkrankung näher informieren.

1. Kontrollzwang:  

Über viele Jahre hinweg kontrollierte ich oft mehrere Stunden am Tag meine Muttermale aus Sorge, ich könnte Hautkrebs haben. Ich ging mehrmals im Monat zu verschiedenen Hautärzten, weil ich glaubte, ein Arzt könne sich in der Diagnose geirrt haben. Da ich viele Muttermale auf dem Rücken habe, macht eine fachärztliche Kontrolle ein oder zwei Mal im Jahr Sinn, aber nicht so oft, wie ich es vor über 10 Jahren tat. Ich saß viele Stunden vor dem Spiegel und betrachtete nun diese Muttermale. Je öfter ich diese Handlungen durchführte, desto "wichtiger" wurden sie für mein Leben. Meistens stand ich im Bad vor dem Spiegel und verheimlichte meine Handlung, weil ich mich dafür schämte.

2. Zählzwang:

In zahlenlastigen Klausuren neigte ich dazu, die Ergebnisse und Rechenschritte ständig zu kontrollieren aus Sorge, ich könnte einen Fehler gemacht haben. Somit verlor ich viel Zeit in der Klausurvorbereitung und -bearbeitung und bestand diese Art von Klausuren nur knapp oder gar nicht.

3. Angst vor Keimen:

Ich fasste keine Türklinken an aus Sorge, ich könne mir Keime einfangen und krank werden. Außerdem hatte ich mehrmals am Tag geduscht oder in der Badewanne gelegen, um ich zu reinigen.


Meine Therapie vor über 10 Jahren:

Erst zu dem Zeitpunkt, als mein Studium und meine sozialen Kontakte unter dieser Erkrankung litten, holte ich mir professionelle Hilfe bei einem Therapeuten. Er war ein charismatischer Mann.
Ich erzählte ihm von meiner Kindheit und Jugend, um eine Erklärung für diese Erkrankung zu finden. Mein Therapeut hatte eher einen verhaltensorientierten Ansatz. Er meinte, was nützt es die Herkunft der Krankheit zu analysieren, wenn man mit dieser Krankheit nicht praktisch umgehen kann?
Diese Erkrankung habe viele verschiedene Ursachen. Ein zentraler Baustein zur Milderung der Symptome ist die Stressvermeidung und die Akzeptanz, dass nichts im Leben "perfekt" ist. Perfektionismus sei ein Ursprung für Kontrollen, weil man Fehler ausmerzen möchte. Wenn z.B. das Besteck symmetrisch angeordnet auf dem Tisch liegen MUSS, weil man sonst eine innere Unruhe verspürt, sei dieses ein Anzeichen für eine Zwangsneurose. Es gebe die verschiedensten Ausprägungen und Mischformen von Zwangshandlungen.

Ich musste ihm meine Lieblingsbücher geben, die sonst keiner berühren durfte. Er nahm sie in die
Hand und machte "Eselsohren" hinein. Ich sollte lernen, dass ein Buch nur ein Gebrauchsgegenstand ist und kein Baby, das man hüten müsse. Ich lernte durch verschiedene Übungen die Angst vor Keimen zu verlieren. Einfaches Händewaschen reiche für den normalen Alltag aus, wenn man nicht hochansteckend ist. Ich hantierte Zuhause in meiner Zeit vor dem Studium den halben Tag mit Händedesinfektionsmitteln herum, die meine Haut strapazierten.

Das Leben sei kein statischer Zustand, sondern ein sich ständig ändernder Prozess. Ich habe durch verschiedene Techniken gelernt, meine Erkrankung in den Griff zu bekommen, denn sie frisst viel Zeit und man neigt dazu sich sozial zu isolieren. Im schlimmsten Fall ist die erkrankte Person arbeitsunfähig, wenn sie nicht mehr aus dem Haus kommt. Soweit war es bei mir nicht.
Da ich verstanden habe, dass ständige Wiederholungshandlungen die scheinbar erhoffte Sicherheit nicht garantieren können, erhielt ich Vertrauen in ein Leben ohne Zwangshandlungen. Leider besteht immer noch eine Tendenz für Wiederholungen. Mir gelingt es allgemein gut, diese Wiederholungen zu minimieren. Wer mich heute neu kennenlernen würde, hätte den Eindruck, ich sei nie Perfektionist gewesen. Ich war auch nur in bestimmten Lebensbereichen perfektionistisch. Natürlich soll man während der Arbeit oder anderen wichtigen Dingen, wie z.B. dem Autofahren keine Fehler machen, aber es hängt davon ab, in welche Lebensbereiche sich das "Perfektsein" ausdehnt. Es ist wichtig zu erfahren, dass es eine gesunde Mischung aus Fehlerfreiheit und Fehlern geben kann.

Ziel der Therapie sei die Minimierung der Kontrollen auf ein normales Maß gewesen und nicht die Eliminierung der Erkrankung, weil dieses wieder ein perfektionistischer Ansatz sei. Es gilt Unzulänglichkeiten sowie Fehler als Lebensbestandteil zu akzeptieren und somit solle ich auch meine Erkrankung als Teil von mir sehen. Ich "darf" unperfekt sein und heute fühle ich mich diesbezüglich mit mir im Reinen.

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Symbolfoto: Lukas über Pixabay

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1 Kommentare

  1. Was für eine schlimme Erkrankung.
    Ich finde Pascales Beiträge sehr gut und auf den Punkt gebracht.
    Perfektionismus wird leider von der Umwelt oft erwartet.
    Es ist schön, dass Pascale seine Erkrankung stark eindämmen konnte.
    Viele Grüße aus Düsseldorf

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