#FOMO - Ich will alles und noch mehr!

Oft sitze ich spät abends vor meinem Rechner und denke mir, wie toll es doch wäre, einfach mal nichts zu tun oder irgendetwas – in meinem Au...

Oft sitze ich spät abends vor meinem Rechner und denke mir, wie toll es doch wäre, einfach mal nichts zu tun oder irgendetwas – in meinem Augen – Sinnloses. Einfach zu einen Buch greifen und zu lesen, irgendeinen Film anzuschauen, ja zu entspannen. Wann ich das zuletzt gemacht habe? Ich weiß es nicht…


Fear of missing out

Denn ich bin wohl eine von Vielen, die an der recht neuen Modekrankheit FOMO (Fear of missing out) leidet. Die Fear of missing out (dt.: Angst, etwas zu verpassen), ist eine Form der gesellschaftlichen Beklemmung/Angst/Besorgnis. Das Phänomen beschreibt die zwanghafte Sorge, eine soziale Interaktion, eine ungewöhnliche Erfahrung oder ein anderes befriedigendes Ereignis zu verpassen und nicht mehr auf dem Laufenden zu bleiben. Dieses Gefühl geht besonders mit modernen Technologien wie Mobiltelefonen und Sozialen Netzwerken einher bzw. wird von diesen verstärkt. (Quelle: Wikipedia)

Man könnte ja was "Besseres" verpassen!

Geht es in der heutigen Zeit wirklich nur noch darum, sich zu steigern und immer mehr zu sehen und zu erleben? Gerade auf Social Media habe ich das Gefühl dies mit einem klaren JA beantworten zu können. Jeder hat scheinbar in dieser schnelllebigen Welt das Gefühl etwas Besseres, etwas Passenderes, etwas Schöneres zu verpassen. Gefühlt möchten alle am liebsten auf 10 Hochzeiten gleichzeitig tanzen, denn: Die Auswahl an Möglichkeiten, denen wir jeden Tag gegenüberstehen, haben in den letzten Jahren enorm zugenommen. Sei es die Berufswahl, die Wahl unserer Freizeitaktivitäten, mit welchen Freunden und Bekannten wir uns gerne treffen möchten, die Wahl der nächsten Urlaubsdestinationen und vieles mehr. Damit wächst auch der Druck die „richtige“ Entscheidung zu treffen. 

Sei produktiv, bis du umfällst!

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wann es begonnen hat, aber seit einigen Jahren stört es mich, wenn ich nicht dauernd etwas "Produktives" mache. Unter "Produktiv" verstehe ich Dinge, die mich in irgendeiner Art und Weise weiterbringen. Persönlich, finanziell, zwischenmenschlich – wie auch immer. Hauptsache ich merke, dass sich was tut und erkenne den Sinn dahinter, wieso ich etwas mache. Ich muss sagen, dass ich in den letzten Jahren doch ziemlich viel weitergebracht habe: Ich habe einen großen Freundes- und Bekanntenkreis aufgebaut, mit Leuten auf die ich mich wirklich verlassen kann. Ich verdiene mit meinem "Hobby" Geld. Ich kann mehrmals im Jahr große und kleine Reisen machen. Täglich werde ich auf tolle Veranstaltungen und Events eingeladen und mehrmals wöchentlich erreichen mich Pakete mit Klamotten und Produktneuheiten. Der Preis dafür: Ich bin nonstop am rotieren, um alles unter einen Hut zu bekommen und Zeit um mich wirklich zu entspannen bleibt so gut wie keine.

Stress macht mich glücklich, aber gleichzeitig krank

Mein Mailpostfach quillt über, mein Terminkalender ist voll - ich bin happy und habe irgendwie das befriedigende Gefühl etwas richtig gemacht zu haben. Zwar steigt an manchen Tagen mein Stresslevel ins Unermessliche, ich muss von einem Termin zum anderen hetzen, habe keine Zeit eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen und sitze oft bis spät in die Nacht wach, um Deadlines einzuhalten, aber es macht mich glücklich. Unheimlich glücklich. Und gleichzeitig macht es mich doch irgendwie krank, denn der Körper macht solch einen Stress eben nicht dauerhaft mit. Grotesk.

Am Ende bereust du, was du nicht getan hast

„Am Ende bereust du nicht was du getan hast, sondern nur was du nicht getan hast.“ Ich glaube, diese „Lebensweisheit“ kennt jeder, nur leider sitzt sie  mir irgendwie ungut im Nacken. Ich habe mal einen interessanten Artikel über Sterbende gelesen, wo es hieß, dass Viele am Sterbebett bereut hatten, nicht "mehr ge- und erlebt“ zu haben. Meine logische Schlussfolgerung: Ich greife nach jedem Strohalm, der sich nach Abenteuer, Spaß oder beruflicher Verwirklichung anfühlt. Ich möchte nicht das Gefühl haben, irgendwas in meinem Leben verpasst zu haben.

Und es ist mir nicht möglich eine Entscheidung zu treffen

Bloß fällt es mir schwer Entscheidungen zu treffen und Dinge abzusagen. Mein Leben bietet einfach so viele Möglichkeiten, die sich gefühlt täglich erweitern. Mein Bekanntenkreis wächst nahezu wöchentlich um einige Leute, interessante Aufträge kommen rein, man wird eingeladen zu netten Mädelsabenden, Unternehmen laden zu Veranstaltungen und Reisen ein und ich komme gar nicht dazu, all diese unendlichen Möglichkeiten zu filtern und zu selektieren. Wie soll ich wissen, was mir Spaß bringt? Was mir in diesem Moment wirklich gut tut und gefällt? Meine logische Schlussfolgerung: In jede noch so kleine Lücke meines Terminkalenders wird etwas gequetscht.

470 begonnene Dinge sind zu wenig

Mein logischer Verstand sagt mir, dass dies Unsinnig ist. Dass es nicht sinnvoll ist noch einen beruflichen Auftrag anzunehmen, bei jedem Treffen meiner gefühlt 500 Bekannten dabei sein zu müssen und es auch nicht schlimm ist, ein Event oder eine Kooperation abzusagen. Aber dann kommt die FOMO um die Ecke die mir leise ins Ohr flüstert: „Bist du dir sicher, dass du gerade DAS absagen möchtest? Es könnten sich aus den Auftrag spannende Folgeaufträge ergeben? Du könntest den neuesten Klatsch & Tratsch verpassen, wenn du nicht zum Treffen erscheinst. Auf diesem Event solltest du dich echt blicken lassen, du weißt ja „Aus den Augen aus dem Sinn“, also geh besser hin.“ Und so kommt es, dass ich getrieben von der Angst etwas Tolles verpassen zu können, einfach versuche auf 10 Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen...

Ich habe keine Hobbys, ich habe Berufe!

Und dann ist da noch der Drang aus allem was ich mache, einen sinnvollen Output rausholen zu müssen. Ich bewundere die Leute, die es schaffen Serien zu schauen, ein Buch zu lesen, zu entspannen, einfach mal drauflos zu malen, stundenlang Kreuzworträtsel zu lösen, aus Freude zum Sport zu gehen… Also Menschen, die Hobbys haben und sich bei all diesen Dingen entspannen und Freude daran haben. Ich kann es nicht. Denn ich mache meine Hobbys zu Berufen. Ich weiß noch wie stolz meine Psychologin Anfang des Jahres war, als ich ihr erzählte, dass ich einen Mal-Workshop besucht hatte und ich das Malen (wieder) für mich entdeckt habe. Und ich weiß noch, wie entsetzt sie war, als ich ihr 2 Wochen später erzählt hatte, dass ich daraus ein kleines Business machen und meine gemalten Karten verkaufen möchte. Und als ich ihr 4 Wochen später meine Pläne von einem Onlineshop, dem Weihnachtsmarkt-Ständen und der Idee auch noch andere DIY-Produkte erzeugen zu wollen erzählte, ist sie verfallen. "Wieso ich nicht nur für mich als Entspannung male und bastle", wollte sie wissen, aber ich konnte ihr keine vernünftige Antwort darauf geben...

Ich gehe nicht spazieren des Spazieren wegens

Wenn ich durch die Gegend schlendere, so tue ich dies nicht, um meinen Kopf frei zu bekommen, sondern bin gedanklich immer auf der Suche nach netten Locations. Restaurants und Cafés, die ich besuchen und über die ich eventuell schreiben könnte. Oder Plätze, die man gut als Fotolocation nutzen könnte. Wenn ich auf Reisen bin, habe ich immer meine Kameras in der Tasche und zusätzlich Schreibwerkzeug, denn alles muss fotografiert und dokumentiert werden. Schon während der Reise oder bei Ausflügen spinnt sich mein Kopf einen Artikel zusammen und sortiert die Informationen, wie ich sie am besten verarbeiten könnte. Wenn ich zum Sport gehe, dann mache ich das nicht, um mich auszupowern und den Kopf frei zu bekommen, sondern weil es mir vom Arzt empfohlen wurde, oder ich mal wieder ein paar Kalorien abtrainieren möchte. Wenn ich abends noch am Smartphone auf Instagram bin oder auch mal ein YouTube-Video schaue, dann mache ich das meist nicht aus Freude, sondern um den Anschluss nicht zu verlieren. Um neue Themen zu finden. Um den Instagram-Algorithmus bei Laune zu halten.

100 Dinge begonnen, nichts ist fertig

Das Problem ist, dass auch mein Tag nur 24 Stunden hat und mein Gehirn förmlich vor Ideen explodiert. Ich möchte einfach alles machen und noch viel mehr. Mir machen die Dinge ja Spaß. Ich schreibe super gerne Blogbeiträge, freue mich unheimlich über das grandiose Feedback, was mich täglich per Nachricht erreicht. Liebe es, wenn sich Leute bei mir bedanken, denen ich Input (sei es bei Reisen, Kosmetik, gesundheitlichen Themen, etc) geliefert habe. Bin dankbar tolle Bekanntschaften zu haben, die mit mir Dinge unternehmen wollen. Bin stolz, dass ich auf Reisen und Veranstaltungen eingeladen werde, da Kooperationspartner meine Arbeit schätzen. All das macht mich unheimlich glücklich und zufrieden. So zufrieden und glücklich es mich macht, so sehr stresst es mich auch. Auf Instagram quillt z.B. täglich mein Postfach mit Fragen, konstruktiver Kritik und Lob über. Ich möchte all den Menschen, die sich Zeit für diese Zeilen genommen haben, danken, schaffe es aber nicht, weswegen Nachrichten oft tagelang unbeantwortet bleiben. Ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen und es stresst mich. In meinem Ideenbuch sind aktuell 46 Themen zu Blogbeiträgen, die ich gerne teilen würde. Ich schaffe es aber nicht diese zeitnah fertig zu stellen, was mich unheimlich stresst. Auf WhatsApp blinken täglich Nachrichten von Freunden und Bekannten auf, wann ich denn wieder Zeit für ein Treffen hätte. Ich weiß es nicht und vertröste sie auf den nächsten Monat, fühle mich dabei schlecht und gestresst. Ich sitze im Chaos, weil überall Dinge rumstehen und liegen, die noch abgeschlossen gehören, ich aber keine Zeit dafür finde. Es stresst mich, da ich Unordnung eigentlich hasse.

Einfach mal abends entspannen, das wär’s

Und dann liege ich um 2 Uhr nachts hellwach im Bett und mein Gehirn rotiert und ich springe auf, um noch „schnell“ was zu erledigen und von meiner unendlich langen Liste abzuhaken. Und ich bin glücklich, überglücklich. Und wenn ich am nächsten Morgen erschöpft aufwache und einen Blick in meinen übervollen Kalender werfe, frage ich mich, ob es das wert war. Dann denke ich mir, wie toll es doch wäre um 17 Uhr von er Arbeit zu kommen, gemütlich eine warme Mahlzeit – und nicht nur ein Snack im Vorbeigehen – zu mir zu nehmen und den restlichen Abend ein Buch zu lesen, oder einen Film zu schauen. Ich nehme es mir ganz fest vor. Und dann bin ich tatsächlich um 17 Uhr daheim, werfe mich aufs Sofa und versuche zu entspannen und merke, wie ich unruhig und nervös werde. Das soll das Leben sein? Als Ende Zwanzigjährige abends allein auf der Couch zu chillen? Wenn mich in 30 Jahren wer fragt, was ich in meiner „Jugend“ gemacht habe, möchte ich nicht antworten müssen, dass ich Meisterin im kreuzworträtseln war oder dass ich alle Serien auswendig kannte. Und dann springe ich wie vom Teufel getrieben auf, packe meine Sachen, whatsappe Freunde an und will was erleben und nichts verpassen. FOMO hat mich mal wieder gepackt…

Der Mittelweg wäre die Lösung

Nein, FOMO ist nicht cool und auch alles andere als gesund. Jeder der diese innere Unruhe kennt, weiß wovon ich spreche. Wie oft habe ich versucht einen ruhigen Abend zu Hause zu verbringen und das Nichtstun zu genießen... Aber ich schaffe es nicht. Zusätzlich getrieben von meiner Angst- und Zwangserkrankung MUSS ich einfach etwas erleben, etwas „Produktives“ tun, etwas leisten, um nicht todunglücklich zu sein. Und ansich ist es ja auch nichts Schlechtes, weil ich in den letzten Jahren so viele unglaublich tolle und schöne Momente hatte, die ich ohne diesen „Leistungsdruck“ wohl nicht gehabt hätte. Aber mir ist bewusst, dass es nicht gesund ist und sich deshalb was ändern muss. Mein Körper rebelliert seit geraumer Zeit immer wieder, weil der menschliche Organismus einfach nicht für Dauerstress gemacht ist. Ich arbeite daran meine FOMO (und natürlich meine Angst- und Zwangsstörung) in den Griff zu bekommen. Auch wenn es Phasen gibt, wo es nicht so aussieht, aber ich bin auf einen guten Weg ein Mittelding zu finden...


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Vorwort - Ab zur Psychotherapie!
Ich habe Depressionen - Was nun?!
Wochenbettdepression - „Wenn die Freude über’s Baby ausbleibt“
Erfahrungsbericht: Ursachen & Hintergründe von Angst- und Zwangsstörungen

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1 Kommentare

  1. Toller Artikel, liebe Carmen und ich glaube auf die ein oder andere Weise, kennen wir das alle ein bisschen. Nur wahrscheinlich nicht ganz so extrem wie du. Bei mir ist es eher die Angst Sachen ja ordentlich abzuschließen. Das heißt, ich könnte mich nie hinsetzen zum Lesen/Fernschauen etc. ohne das alles vorher pikobello ist. Manchmal vermisse ich die Zeit wo um 20:15 mit dem Abendfilm einfach Ruhe war ♥
    Love, Dani

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